Dies ist ein Gastbeitrag von Kevin Kuhn, dem Co-Founder von EcoToiletten, Non-Water Sanitation e.V. und Guts for Change Mitglied der ersten Stunde. Kevin ist eine der Personen, die es schafft regelmäßig die Vogelperspektive auf ein Businessprojekt einzunehmen und daraus entschiedenes, strukturiertes Handeln abzuleiten. With that said…enter Kevin:

Öfter die Vogelperspektive einnehmen. Das fällt vielen von uns schwer, da wir leider nicht gelernt haben zu fliegen.
In der Schule haben wir gelernt zu kriechen und mit möglichst vielen Hürden Ergebnisse zu schaffen. So mussten wir unter höchstem Zeitdruck Klausuren schreiben, Musikinstrumente spielen vor Leuten obwohl wir Lampenfieber haben oder ewiges durchspielen von Kurvendiskussionen, obwohl dies Taschenrechner zuverlässiger können. Wer Erfolg haben will muss hart arbeiten. Harte Arbeit bedeutet leiden.
Diese vermeintliche Erfolgsformel ist einer unserer Grundbausteine im System des Kapitalismus und Common Sense.

Freiheit Durch Perspektivwechsel

Aber hey, here are the good news: Das eigentliche Erfolgsrezept ist es zu fliegen. Nur wer fliegt kann die Dinge in ihrem Zusammenhang sehen und bewerten. Wer fliegt muss sich nicht durch enge und vollgepackte Wege quälen und hat somit zwangsweise mehr Freiheit.
Alle die ein Business aufbauen oder es schon geschafft haben, werden das kennen. Man übernimmt ein Baby und will es wachsen sehen. Mit jedem Wachstumsschub, kommt auch mehr Arbeit hinzu. 10 Kunden mehr, bedeutet auch 10 Rechnungen mehr schreiben, bedeutet 10 neue Produkte herstellen und einlagern, usw.
Für viele Bootstraper kommt es am Anfang des Projektes dann dazu, dass sie alle Aufgaben übernehmen. Sei es vom fixen der Website, dem posten bei Facebook, dem Schreiben von Artikeln oder formale Dinge wie Konten verwalten und Gewerbeanmeldung. Am Anfang fehlt es scheinbar an Geld bzw. Personal, um all diese Aufgaben abzugeben und sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Doch dies ist ein großer Trugschluss!
Wenn du ein Business startest bist du ein Unternehmer und deswegen hast du bestimmte Aufgaben. Wenn du dich dafür entscheidest Unternehmer zu werden, dann triffst du eine Berufswahl. So wie es der Tischler oder die Programmiererin macht. Demnach hast du auch auf Aufgabenbereiche für die nur du zuständig bist und mit denen der Erfolg deines Business steht und fällt. Also was sind die Aufgaben eines Unternehmers?

Unternehmeraufgaben

In seinem Buch „Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer„, welches ich Dir absolut empfehlen kann, hat Stefan Merath, diese auf den Punkt gebracht:
1. Strategie und Positionierung bestimmen. Du legst fest in welche Richtung das Schiff rudert. Ohne Richtung rudert man nur im Kreis. Das bedeutet, dass du dich in deinem Markt auskennen musst und deine Kundenwünsche genauestens kennst.
2. Finde jemanden, der Dein Unternehmen mal übernehmen wird. Die Idee dahinter ist, dass du das Unternehmen unabhängig von deiner Person machst und Prozesse entwickelst mit denen das Unternehmen auch von jemand anderen geleitet werden könnte.
3. Entwickle deine Persönlichkeit. Das Unternehmen ist nur ein Spiegel deiner Persönlichkeit und es kann somit nur wachsen, wenn auch du persönlich wächst.
4. Müllentsorgung. Du musst dafür sorgen, dass Prozesse, Kunden, Mitarbeiter oder Ziele die dich zurückhalten aus dem Unternehmen entfernt werden. Da du am Unternehmen arbeitest und nicht im Unternehmen, bist du der einzige mit Überblick und vermutlich auch Befugnis.
5. Sicherung der Umsetzung. Du musst sicherstellen, dass die gesetzten Ziele auch umgesetzt werden. Hier ist also Projektkontrolle wichtig und du musst rechtzeitig den Pivot setzen.
6. Externe Energie bündeln. Alle Akteure die von Außen auf das Unternehmen kommen und dir Energie geben, müssen so in das Unternehmen eingebaut werden, dass Dir die Energie auch wirklich nützt. Hierzu zählt auch, mal nein zu sagen zu externer Energie, wenn sie eher hinderlich ist.
7. Vision und Werte. Wie schon erwähnt ist das Unternehmen ein Spiegel deiner Persönlichkeit und damit auch deiner Werte. Stelle sicher, dass diese im ganzen Unternehmen vertreten sind und nach Innen und Außen erkennbar sind.
Wenn man ein Unternehmen bootstrapt, dann scheint es als ob die Konzentration auf lediglich diese Aufgaben, alle anderen wichtigen Aufgaben unterbindet die erstmal Geld reinbringen.
Aber hier hilft wieder der Perspektivwechsel, der Blick aus der Vogelperspektive.
Klar, kurzfristig gesehen ist der Straßenmusiker erfolgreicher, da er sofort Geld in seinen Hut bekommt. Langfristig wird aber der Musiker der ein Album produziert und über mehrere Jahre Tantiemen ausgezahlt bekommt, besser bei weg kommen. Genauso verhält es sich auch hier. Starte schnell und halte das Unternehmen so lean wie möglich, aber vertraue darauf dass die Konzentration auf die 7 Aufgaben dir langfristig Erfolg bringt.

Praktische Übungen für Perspektivwechsel

Um dir noch ein paar praktische Tipps mit an die Hand zu geben, damit du dich auch im Alltag so oft wie möglich in die Vogelperspektive bringst.
1. Meditiere täglich – Übe dich im Trennen von Körper und Geist und du schaffst es auch das Unternehmen unabhängiger von Dir zu machen
2. Liste dir all deine Ziele auf für dein Leben – Daraus erkennst du welche Werte und Visionen du hast. Lese diese regelmäßig durch und versuche diese in dein Unternehmen mit einzubauen.
3. Nimm dir deine To-Do-Listen vor und schaue wie viele Unternehmeraufgaben und wie viele Fachkraftaufgaben (ausführen von einem definierten Set an Prozessen im Betrieb) dort drauf sind. Versuche das Verhältnis in Richtung 100% zu Unternehmeraufgaben zu lenken.
4. Investiere in die Abgabe von Prozessen. Auch wenn Du Dir vielleicht im Anfangsstadium Deines Projektes kein komplettes Team leisten kannst, solltest Du testweise Prozesse abgeben und dafür auch zahlen. Das zeigt die Wirksamkeit der Abgabe von Fachkraftaufgaben und macht Dich ein wenig süchtig danach ;). Wenn man einmal Aufgaben abgegeben hat, will man sie in der Regel auch nicht wieder zurück nehmen.
5. Regelmäßige Retreats und Strategiesessions – Fahre mit deinen Co-Foundern in Kurzurlaub, mache selber alleine 1-3 Tage Strategiesession und/oder suche dir einen Mentor der dir hilft beim raus zoomen. Setze feste Dates für solche Sessions und halte sie unbedingt ein!
Bei unserem Gründerteam von EcoToiletten hat das zugegebener Maßen am Anfang nicht funktioniert.
Zu oft fanden wir uns in 60-70h Wochen, in dem wir nur im Unternehmen gearbeitet haben, aber das Unternehmen kopflos daher gesegelt ist. Mittlerweile ist jeder von uns dreien sich bewusst darüber, dass es wichtig ist, täglich, wöchentlich und monatlich raus zu zoomen und fast nur noch Unternehmeraufgaben zu übernehmen.
Darüber hinaus haben wir Bücher, die wir regelmäßig teilen zur Gegenseitigen Weiterentwicklung, machen monatliche Strategiesessions und hacken unsere To-Do-Listen. Neben dem Vertrauen in die langfristige Erfolgsgarantie, haben wir auch mehr Freude am Business und persönliche Freiheit.
Kennst Du in Deinem Projekt ähnliche Probleme und Fälle? Wie löst ihr die Klammern der täglichen Aufgaben und katapultiert euch in die Vogelperspektive? Ich bin gespannt auf Dein Kommentar!
Dein Kevin